Zauberlehrling

Zauberlehrling

Zauberlehrling ist ein dreidimensionales Theater-Musik-Video-Projekt, das in 2 Versionen in der Zusammenarbeit des dänischen Live Electronics Ensembles Contemporánea mit Hamburger Künstlern entsteht. Die Komposition der elektroakustischen Klangwelt stammt von Ejnar Kanding von Contemporánea, die Videoinstallation vom Hamburger Simon Janssen.

Wolfgang Häntsch ist für die Erarbeitung der Textfassung, die Regie und das Bühnenbild verantwortlich und spielt auch selbst mit. Musiker und auch Darsteller ist Fritz Berthelsen (Klarinette und Bassklarinette), langjähriges Mitglied der dänischen Musikformation und Initiator des Projekts. Literarische Grundlage sind die 14strophigen Ballade aus dem Jahre 1797 und in der erweiterten Version Texte aus Faust II von Johann Wolfgang von Goethe, die sich z.B. auf die Schaffung eines künstlichen Menschen, die Einführung des Papiergeldes und die virtuelle Hervorbringung von Helena und Paris beziehen. Aktuelle Bezüge sind hier natürlich gewollt: künstliche Intelligenz, Macht des Geldes, die virtuelle Welt des Computerspiels etc.

„Die Geister, die ich rief…“. Wir haben so viele Geister gerufen, die wir nun nicht mehr los werden. Wir stehen heute an einem Scheideweg. Sind wir in der Lage, die vielen „Besen“ zu stoppen, die wir für unseren Wohlstand und unsere Bequemlichkeit losgelassen haben? Darum geht es.

Die Bühne ist karg. Den Hintergrund bildet eine dreiteilige Videowand. Davor agieren ein Straßenmusiker mit Klarinette (später mit Bassklarinette), gespielt von Fritz Berthelsen, und ein Obdachloser (Wolfgang Häntsch), ehemaliger Literaturwissenschaftler, der durch eine persönliche Tragödie alles verloren hat. Der Obdachlose, der in dieser wohnungslosen Zeit „um nicht ganz zu verblöden“ viele Texte von Goethe und anderen Klassikern auswendig gelernt hat, verwandelt sich im ersten Teil mehr und mehr in Figuren aus Goethes Faust II.

Durch diese Metamorphose gerät die Realität – also die analoge Welt – aus den Fugen. Video und Musik verwandeln sich in eine metaphorische – digitale – Klang- und Bildwelt. Die Bassklarinette wird zum Zauberbesen, der nicht mehr aufzuhalten ist. Die beiden Figuren verschwinden am Schluss (digital) im Tornado.

Das Projekt wird in zwei Versionen angeboten - für Theater eine längere und für Schulen eine kürzere - und ist sowohl an Erwachsene als auch an Schulkinder gerichtet. Für Letztere wird auch ein spezieller Workshop zur weiteren Vertiefung nach der Vorstellung angeboten.

Goethes Botschaft

Goethe beschreibt in seiner Ballade ein Szenarium, in der ein Zauberlehrling, fasziniert von den vielen Möglichkeiten der Zauberei, eine Arbeitserleichterung schuf, ohne sich über dessen Konsequenzen im klaren zu sein. Er rief Mächte, die er weder kannte noch kontrollieren konnte. Alles gerät außer Kontrolle. Obwohl Goethes Werk vor über 200 Jahre entstand, hat es bis heute höchste Aktualität und Relevanz. Nach 2 industriellen Revolutionen konnten wir zahlreiche soziale, kulturelle und ökologische Veränderungen beobachten, deren Folgen nicht absehbar waren. Wie der Lehrling verhält der Mensch sich noch immer. 

Fasziniert und angetrieben von den vielen Möglichkeiten eines ungebremsten Fortschritts und Technologieglauben agiert er, ohne die möglichen katastrophalen, unkontrollierbaren Konsequenzen zu bedenken. Die Klima-, Socialmedia- , Diskriminierungs- oder KI-Debatten sind dabei genauso relevant wie das Verhalten im persönlichen Umfeld. Sie alle erfordern ein gemeinsames, gut durchdachtes Handeln, welches grenzüberschreitendes kritisches Denken notwendig macht und dessen Relevanz schon von klein auf ins Bewusstsein gebracht und verstanden werden sollte. 

Neben der Problemerkenntnis möchten wir mit dem Projekt des Zauberlehrlings zeigen, dass auch mit Kunst, Musik und Darstellung wichtige Geschichten dargestellt, ins Bewusstsein gebracht und Anschaulich gemacht werden können. Goethe tat dies mit den Mitteln seiner Zeit, der Poesie. Wenn mehr seinen Worten gelauscht hätten, wäre es vielleicht nicht so weit gekommen, wie wir es heute erleben.

Das Projekt

Die Aufführung und die Workshops werden vorerst für ein dänisches, sowie deutsches Publikum vorbereitet. Später kann es dann leicht für ein Publikum in anderen Sprachen bearbeitet werden. Das Projekt Zauberlehrling bietet darüber hinaus eine Reihe pädagogischer Materialien und Workshops für Schulkinder an. Erfahrungen hierfür gibt es bereits mit dem Projekt „Der Schatten“ nach Christian Andersen, das über 200mal in mehreren Ländern aufgeführt wurde.

Handlung

Am Rande einer Stadtlandschaft. Im Hintergrund Plattenbauten. Davor ein kleines Gerüst, das etwas umhüllt, das vielleicht früher einmal ein Denkmal war. Vergessen. Aufgegeben. Darunter Müll und ein improvisierter Schlafplatz. Auf dem Gerüst hat sich ein Straßenmusiker – Ole - niedergelassen. Er spielt mehr schlecht als recht einige gängige Stücke. Es kommt kein Publikum. Ein Obdachloser – Karl, alias Kalle - erscheint mit einem großen Sack. Es ist sein Schlafplatz. Die Anwesenheit des Fremden stört ihn. Er versucht ihm klar zu machen, dass er hier nichts verloren hat. Der Fremde versteht nichts. Er ist Däne. Kalle resigniert und bereitet sich auf die Nacht vor. Er beginnt, seine Geschichte zu erzählen. Der Fremde versteht natürlich nichts, aber das macht nichts. Kalle hat jemanden, der zuhört, zuhören muss, denn er geht nicht:

Seine Frau hat sich vor Jahren das Leben genommen. Sie war selbstständig und hatte ein Geschäft. Vertrieb von Kosmetika und Nahrungsergänzungsmitteln. Es ging ihnen recht gut. Sie hatten eine Eigentumswohnung und ein schönes großes Auto. Was er nicht wusste: seine Frau war kaufsüchtig und hatte über die Jahre einen riesigen Schuldenberg angehäuft. Als die Gläubiger keine Geduld mehr hatten, flattern die Pfändungen ins Haus. Für Kalle ein Schock. Seine Frau nimmt sich das Leben und lässt Kalle mit den Schulden allein. Wohnung, Auto und alles was Wert hat werden gepfändet. Kalle sitzt auf der Straße, handlungsunfähig. Danach lebt er von der Wohlfahrt.

Kalle erzählt seine Geschichte anfangs stockend, bruchstückhaft, denn reden ist er nicht mehr gewohnt. Hier hat er einen Zuhörer, der ihn nicht versteht. Dem kann er alles sagen: Er war Literaturwissenschaftler. Hatte aber nur einen langweiligen Angestelltenjob. Es gab auch schöne Momente. Er beginnt Goethe zu zitieren, die seine Stimmung wiedergeben. Kalle hat von einer Sozialstation einen Sack Kleidung erhalten. Er packt ihn aus. Seltsame Dinge sind drin. Er probiert einige, z.B. einen alten Anzug, klassisch, langweilig. Der erinnert ihn an Wagner im Faust. Der ehemalige Schüler, der mittlerweile ein arroganter Wissenschaftler geworden ist. Der will einen künstlichen Menschen erschaffen. Kalle steigt in seine Figur. Ein Kleidungsstück im Sack regt ihn dazu an. Er betrauert seine Frau. Sie war so schön. So schön wie Helena. Ole hört zu und beginnt irgendwann das Geld zu zählen, das er heute eingenommen hat. Geld. Kalles nächstes Thema. Mephisto macht dem Kaiser die Einführung des Papiergeldes schmackhaft. Der Konsum explodiert, die Wirtschaft floriert. Es erinnert ihn an seine Schulden. Niemand hat ihm aus der Patsche geholfen. Seine Freunde haben ihn verlassen. Er gehörte nicht mehr dazu. Timon von Athen fällt ihm ein. Seine Hassrede.

Mehr und mehr verquicken sich also seine persönlichen Erfahrungen mit den klassischen Texten. Er kann sich damit auf eine vollendete Weise ausdrücken, was er mit der Alltagssprache nicht schafft. Aus den anfänglichen Versuchen entwickeln sich mehr und mehr exzentrische, teils irrwitzige Situationen. Seine Metamorphose verändert die reale Welt. Diese Veränderung beginnt damit, dass eine alte mechanische Schreibmaschine, die sich im Müll befindet, plötzlich selbstständig zu schreiben beginnt. Das Videobild im Hintergrund bricht zusammen und zeigt, was die Schreibmaschine schreibt: „Walle, walle, manche Strecke….“. Der Musiker mutiert zum Zauberlehrling, in dem er die Bassklarinette in Gang setzt. Die elektroakustische Klangwelt entsteht und ebenso die Bildwelt im Hintergrund.

Was nun folgt, ist eine bildnerisch-musikalische Umsetzung der „Zauberlehrling“-Geschichte, die nun ohne Kalle stattfindet:

Als der alte Zauberer verreist, lässt er seinen faulen Zauberlehrling alleine Zu hause in seiner Höhle mit einer Aufgabe, die dieser erledigen soll. Aber dieser wird es schnell leid, Wasser in seinem Eimer zu schleppen, und verzaubert deshalb den Besen, damit dieser die Arbeit für ihn erledigen solle. Leider ist der Lehrling mit dieser Art von Magie noch nicht ganz vertraut und so wird statt des Eimers der Boden schnell mit Wasser geflutet. Da der Lehrling den richtigen Spruch nicht kennt, kann er den Besen nicht stoppen. In seiner Verzweiflung schlägt er den Besen in zwei Teile, was jedoch alles noch schlimmer macht, denn jetzt verwandelt sich jeder der beiden Teile in einen neue Besen, von denen jeder fleißig mehr Wasser ausschüttet. So geht die Entwicklung weiter und selbst kleine Splitter werden zu wasserführenden Besen. Die Höhle wird schnell überflutet, aber da alles verloren zu sein scheint, kehrt der alte Zauberer nach Hause zurück und verhindert mit dem richtigen Zauber eine Katastrophe.

Parallel dazu läuft auf den Videowänden eine künstlerisch-dokumentarische Installation, die die Folgen menschlichen Tuns in seinem gestörten Verhältnis zur Natur einbezieht.

Video installation

Ein Trypichon erzählt von Heilsbringung oder Dystopie. Es kontextualisiert ein zentrales Thema oder zeigt als dreigeteilter Zeitstrahl und Kommentar das Früher, Heute und Morgen. Im überdimensionierten Aufbau, in dem sich die Protagonisten bewegen und das Bild in der Gänze nicht erfassen können, ist eine Überforderung schnell hergestellt.

Anfangs ist das Video Kulisse und Verortung in die Stadt. Unaufgeregt und selbstverständlich zeugt diese Menschen-geprägte Architektur und Umgebung von keiner anstehenden Veränderung oder gar Bedrohung. Der fortlaufende Blick auf die Dinge, die Überlegungen von Kalle, verändern diese Wahrnehmung und den vermeintlich nichtigen Einfluss, den der Straßenmusiker Ole als Randnotiz einer produktiven Stadtbevölkerung zu haben scheint.

Analog zur Musik wird die Videowelt zunehmend bewegter, maschineller und abstrakter. Der Plattenbau auf der Leinwand fällt in sich zusammen, der aufgewirbelte Baustaub tritt mit Hilfe eine Nebelmaschine aber in die Realität der Bühnen- und Lebenswelt. Eine Assoziation des Zusammenspiels von Mensch und Technik.